Eröffnung der Ausstellung im Stanzwerk, Bochum am 27.04.2007
Kritik von Dr. Alexandra Sucrow, Paderborn
Zusammenarbeit – neben- oder miteinander – Austausch untereinander, gegenseitige Inspiration – das alles sind Dinge, die Kunstschaffende weiterbringen, derer sie bedürfen.
Nicht von ungefähr haben sich im Laufe der europäischen Kunstgeschichte – bei der ich erstmal ganz bodenständig verweilen möchte - immer wieder Künstler und Künstlerinnen zu Gruppen zusammengefunden, um diesen Austausch zu pflegen. Während Vereinigungen wie die Nazarener im beginnenden oder die Beuroner Schule im späteren 19. Jahrhundert, was Gesinnung und Inhalte ihrer Kunst anging, eher religiös motiviert waren, so ließen sich die Mitglieder der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen Ende des 19. Jahrhunderts von der norddeutschen Moor- und Heidelandschaft faszinieren und schlossen sich die Anhänger und Anhängerinnen des Expressionismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu verschiedenen Künstlervereinigungen wie der Brücke, den Fauves oder dem Blauen Reiter zusammen. All‘ diesen Gruppen war der Wunsch nach Kommunikation, nach gemeinsamer Entwicklung von Ideen, Idealen und Zielen eigen.
Wenn die European Artists e. V. ihre Mitglieder zu einem Symposium zusammenrufen, dann geht es um keine religiöse Einstellung, um keine stilistische Form, die es gemeinsam zu verfolgen gilt. Vielmehr regiert die Neugier, der Wunsch, Neues kennenzulernen, sich auf dem Laufenden zu halten, mitzuteilen und auszutauschen. Das treibt die zu den European Artists zusammengeschlossenen Künstler und Künstlerinnen, über ihren eigenen und sogar über den europäischen Tellerrand hinweg in die Welt der Kunst und ihrer Macher zu schauen und sie mit in’s Boot zu holen. Und dieser Rundum- und speziell der Weitblick tut not. Denn seit den zitierten Nazarenern und den Expressionisten ist unsere Welt, die jahrhundertelang Europa als ihren Nabel betrachtete, größer geworden. Heute sind wir nicht mehr allein auf uns konzentriert, sondern haben die technischen Möglichkeiten, die Chance und, wie ich meine, auch die Verpflichtung, mit dieser ganzen Welt zu kommunizieren. Das gilt auch für die Kunst, die heute vielschichtiger, facettenreicher und bunter ist als je zuvor.
Die Vereinigung European Artists e. V. hat es sich nicht nur zur Aufgabe gemacht, den Austausch zwischen europäischen Kunstschaffenden zu fördern, sie trägt auch dieser globalen Entwicklung Rechnung und bringt Kunst und Künstler bzw. Künstlerinnen aus aller Welt auf ihren Symposien zusammen – 36 an der Zahl in diesem Jahr in Essen, wo zwei Wochen lang unter einem Dach gearbeitet, beobachtet, verglichen, vorgestellt, diskutiert und zugehört wird. Mittlerweile ist die Menge der während dieser Zeit geschaffenen Kunstwerke auf eine beachtliche Zahl angewachsen, die mir wiederum als Zeichen gilt für die fruchtbare Atmosphäre der Veranstaltung und die hohe Motivation der einzelnen Künstler.
Die Ausstellung, die heute hier eröffnet wird, spiegelt die Vielfalt wieder, die sich mir bereits bei dem Besuch des Symposiums bot: Viele verschiedene Kunstgattungen sind vertreten, unterschiedlichste Materialien verarbeitet, Farben, Formen und Motive schier unüberschaubar. Der Bogen dessen, was auch Sie in dieser Ausstellung erwartet, reicht von den als Ludoarte bezeichneten Klangobjekten des Rudi Punzo, die Sie heute in einer Soundperformance erleben, über Zeichnung, Malerei und verschiedene Druckarten, über Collagen und Assemblagen bis hin zu den sog. neuen Medien, zu unterschiedlich bearbeiteter Fotografie, zu Video- und Computerkunst.
Und allen Werken wohnt ein, teils vielleicht auch in der befruchtenden Atmosphäre begründeter Reichtum inne, der nicht nur die Qualität von Materialien wie Blattgold, Seidenstoffen oder feiner Spitze meint, sondern auch die Leuchtkraft der Farben, ihre unterschiedliche Zuständlichkeit von durchscheinend wäßriger und zarter bis hin zu einer pastosen, teils mit Sand o. ä. gemischten Konsistenz, die filigrane Zeichnung gemalter, gedruckter oder echter eincollagierter Blätter, Blüten und Zweige wie auch anderer Kostbarkeiten. Eine Liebe zum vielsagenden oder einfach nur ornamentalen Detail läßt nicht wenige Werke fast überborden, die Konzeption einiger Bilder suggeriert einen Fortgang des entstandenen Musters über den Rahmen hinaus oder sprengt diesen gar im wahrsten Sinne der Wortes, um sich in die Welt zu ergießen und den umgebenden Raum zu umgreifen.
Dabei sind viele der Kunstwerke prall gefüllt mit Informationen, mit lehrreichen, tiefsinnigen oder einfach nur interessant arrangierten humorvollen Details, die es zu entdecken, zu deuten und einzuordnen gilt.
Und bei genauem Hinsehen fallen auch die individuellen Formen und Inhalte auf, die so viel über den Schöpfer bzw. die Schöpferin des jeweiligen Werkes erzählen: die starke Farbigkeit und die Hieroglyphen in den Bildern des Ägypters, die Physiognomie vieler Gesichter wie auch die Farben und Symbole der Künstlerin aus Kuwait, die teils verfremdeten Zeichen einer uralten, besonders in Transsylvanien verbreiteten Schrift, die von einem ungarischen und einem rumänischen Künstler gleichermaßen verwendet wird, die Rentier-Motive der Finnin.
Und bei aller Individualität gibt es doch – den geographischen Gegebenheiten zum Trotz - immer wieder Parallelen. Die Thematik Mann - Frau in all‘ ihren Facetten scheint ein aktuelles Thema zu sein, die Frau sowieso – ihre Position in der Gesellschaft, Unterdrückung, Zwänge, aber auch das weibliche Selbstbewußtsein bis hin zur Koketterie.
Engel tauchen immer wieder auf – als himmlische und auch als gar nicht so reine Wesen, humorvoll und agil.
Manches Mal stellten Künstler und Künstlerinnen während des Symposiums überrascht fest, daß sie mit ihren Gedankengängen und ihrem Formwollen gar nicht allein stehen, daß an einem ganz anderen Ort ganz ähnlich gearbeitet wird. Sie stützen die Theorie des 1984 verstorbenen Bildhauers Norbert Kricke (1922-1984), der vermutete:
Vielleicht ist Kunst das Gespräch der Welt mit sich selbst – durch das Medium Künstler.
Insgesamt ist nichts von dem, was Sie hier sehen, einfache Kunst. Alles möchte – über den ästhetischen Wert hinaus – entziffert werden – die Schriftzeichen in einigen der Arbeiten sowieso, aber auch die übrigen Motive, die mal als Engel oder Blütenblätter aus dem Bild schweben, mal in Einzelteile zerfallen vor Ihnen liegen, mal schemenhaft im Nebel zu schweben scheinen oder fragmentarisch verrätselt im Raum stehen. Und ebenso, wie für die Schriftzeichen müssen Sie auch für die übrigen Bilder ein eigenes Alphabet erfinden, eine eigene Deutung riskieren.
Das jedoch ist, wenn Sie sich auf die Werke einlassen, leichter als es klingt. Dennoch verweise ich natürlich auf das Angebot aller hier anwesenden Künstler und Künstlerinnen, die Ihnen im folgenden auch vorgestellt werden, Fragen zu stellen und Kommentare zu äußern.
Die Malerin Antje Siebrecht behauptete bereits 1958:
Kunst ist eine internationale Sprache, die keinen Dolmetscher braucht.
Daran hat sich bis heute nichts geändert.